Erlebnis Mittelalter: der Bericht im Tagesanzeiger
Im Tagesanzeiger vom 9. August 2002 berichtete Nina über die Veranstaltung in Bubikon. Text und Bild werden hier mit der frundlichen Genehmigung der Tagesanzeiger-Redaktion wiedergegeben (siehe Quellenangabe unten).

Bild: Beat , © 2002
Tagesanzeiger.
Topfhelm und Kettenhemd waren bei den jungen Besuchern im Ritterhaus Bubikon besonders beliebt.
Ein Abstecher ins Mittelalter
Ein Kettenhemd anziehen, mit Eiern malen: Kinder lernen im Ritterhaus Bubikon mittelalterliche Lebensformen kennen.
Von Nina
Als sich gestern um zehn Uhr die Tore zum Ritterhaus Bubikon öffneten, war der zugehörige Parkplatz bereits voll belegt: Das Kinderpublikum kam motorisiert ins Mittelalter. Doch bald begannen die kleinen Ritter über die Zeitreise nachzudenken, auf die sie sich begeben hatten. Denn der erlebnispädagogische Parcours liess Fragen aufkommen: «Wieso haben die kein Messer neben den Teller gelegt? Wie fühlt sich ein Kettenhemd an? Wie kann man Eier zum Malen brauchen?» Antwort bekamen sie von Mitgliedern des Schweizerischen Burgenvereins, des Vereins Ritterhausgesellschaft und von Archäologinnen. Sie haben während dreier Tage ihren Arbeitsalltag gegen ein Leben als Johanniter getauscht und teilen ihre Leidenschaft für mittelalterliche Lebensformen noch bis heute Freitag mit den Kindern.
Anlass dazu ist das 75-Jahre-Jubiläum des Schweizerischen Burgenvereins (Kasten). Statt Festreden und Symposium gibts Anlässe wie in Bubikon. «Klischeevorstellungen wollen wir aber nicht unterstützen», sagt Heinrich Boxler, Präsident des Burgenvereins, der als würdevoller Ordensritter mit schwarzem Umhang und Kreuz auf der Brust auftritt. «Bei uns isst man nicht grölend und wirft auch keine abgenagten Knochen hinter sich. Und wir veranstalten auch keine Turnierkämpfe.» Denn in der Schweiz seien Turniere nie auf Burgen ausgetragen worden, sondern in der Stadt.
Christoph Schweiss, Konservator des Ritterhauses und temporär Geistlicher des Johanniterordens, will ein lebendiges Museum, in dem man alles «be-greifen» kann. «In diesem Alter interessieren sich Kinder für Dinosaurier und für Ritter, da muss man sie abholen, um ein Interesse zu wecken, das lange anhält.» Die Chance dazu steht gut: An den ersten beiden Besuchstagen hat das Ritterhaus 2300 Gäste empfangen. Am längsten standen die angehenden Ritter Schlange, um ein Kettenhemd und einen Topfhelm anzuziehen. Diese Stücke wurden nach 600 Jahre alten Modellen angefertigt. «Läck, isch das schwär», sagte ein kleiner Junge; andere verstummten unter der Last.
Ritt auf dem Holzpferd
Ein Hit für kleinere Gäste heisst «Ringstechen», ein mittelalterliches Kinderspiel und frühes Kampftraining. Dabei sitzt ein Kind auf einem Holzpferd und muss mit einem hölzernen Speer möglichst viele Ringe aufspiessen, die ihm andere Kinder entgegenhalten. Unter der Anleitung von Archäologin Daniela Hoesli konnten die Kinder auch mit Eitempera, einer mayonnaiseartigen Mischung aus Eiern und Erde oder Mineralien, Gemälde anfertigen. Dass im Mittelalter jeder sein Messer am Gurt trug und dieses darum nicht zum Gedeck gehörte, lernten die aufmerksamen Zuhörer auf der Tour.
Banker in der Ritterrüstung
Als nächstes Projekt im Ritterhaus will Christoph Schweiss das Angebot für Schulen ausbauen. Ob er auch ein Erlebnisprogramm für Erwachsene und Firmen entwerfen wird, hängt von der Finanzlage ab. Dass aber auch Erwachsene gerne mit den Fingern sehen, weiss er, seitdem er eine Gruppe Bankmanager durch das Ritterhaus geführt hat: Plötzlich trat ein Mann vor, tauschte den Anzug gegen eine Ritterrüstung und erfüllte sich damit einen Bubentraum.
Geschichte wird zum Erlebnis
Dem Schweizerischen Burgenverein gehören 1200 Mitglieder an, hauptsächlich interessierte Laien. Sie erforschen mittelalterliche Burgen, Kirchen und Siedlungen und publizieren die Ergebnisse. Ein früheres Ziel war es, Burgen zu retten. In diesem Jahr feiert der Burgenverein sein 75-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum lädt er Kinder zu erlebnisorientierten Veranstaltungen ein: In Bubikon wird noch bis heute Freitag,10 bis 17 Uhr, gefeiert.
Das Ritterhaus Bubikon gilt als der am besten erhaltene Stützpunkt des Johanniterordens in Europa. Seit 1500 wurde der Gebäudekomplex nicht mehr verändert. Johanniterorden existieren heute in der Schweiz noch in Form von gemeinnützigen Gesellschaften, treten aber nicht an die Öffentlichkeit.
Hanf und Comics
Das Ritterhaus Bubikon regt zu einem lebendigen Dialog mit der Vergangenheit an; zurzeit kann man Sonderausstellungen zum Thema Hanf besuchen oder die Geschichte des Lebens im Ritterhaus als Comic lesen. (nis)
Quellenangabe
Tagesanzeiger vom 09.08.2002, Seite 17; Nina (Texte) und Beat (Bild); Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Tagesanzeiger-Redaktion vom 16.08.2002.

