Herbstexkursion vom 4./5. Oktober 2003 ins Tessin
Von Heinrich
Quellenangabe

Dieser Bericht ist gedruckt in der
Zeitschrift
«Mittelalter», Nr. 2003/4.
Am Samstagmorgen fanden sich 37 Mitglieder des Schweizerischen Burgenvereins am Bahnhof Bellinzona ein, um bei strahlendem Herbstwetter den farbenprächtigen Markt in der Altstadt zu besuchen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen hatten wir das Vergnügen, vom besten Kenner der Bellinzoneser Burgen geführt zu werden, nämlich von unserem Ehrenpräsidenten Prof. Werner Meyer. Ein Bus brachte uns in die Nähe des obersten Schlosses, nach Sasso Corbaro. Von diesem erst im 15. Jahrhundert errichteten Stützpunkt aus bietet sich ein hervorragender Überblick über die besondere Lage Bellinzonas, die am Zugang zu wichtigen Pässen und als Tor zu Italien geradezu nach einer Sperrfeste rief. Das Besondere der Anlage besteht darin, dass sie unter den Mailänder Herzögen noch im 15. Jahrhundert zu einer fast unüberwindbaren Festung gegen die Eidgenossen ausgebaut wurde, die von Montebello über die Stadt und das Castelgrande hinweg bis auf die andere Seite des Tessin hinüberreichte. Dieses für die Schweiz einmalige spätmittelalterliche Festungswerk war denn auch der Hauptgrund, weshalb die Anlage in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurde. Dank der Tatsache, dass Bellinzona bereits 1503 an die Innerschweizer Orte Uri, Schwyz und Nidwalden kam, verlor die Talsperre ihre Bedeutung, und so haben sich wichtige Teile der Befestigungsmauern praktisch unverändert bis in unsere Zeit erhalten.
Ein Fussmarsch führte hinunter nach Montebello, wo Prof. Meyer auf die Bauphasen und auf verschiedene Details wie etwa die Geschützplattform oder auf das Entsorgungskonzept der Burganlage hinweisen konnte.
Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es per Lift von der Altstadt hinauf zum Castelgrande. Von seiner archäologischen Forschung her bestens mit der Anlage vertraut, berichtete Werner Meyer über die Entstehung und Entwicklung der vorhandenen Bauten aus der Zeit der Bischöfe von Como bis zum Ende der mailändischen Herrschaft. Eindrücklich war der Besuch in und auf der Murata, jener Festungsmauer, die einst erst am jenseitigen Berghang endete und die dank eines grossen Tors, dem Portone, den Innerschweizern ermöglichte, ihre Viehherden unter Umgehung der Stadt auf die Märkte der Poebene zu treiben. Die Führung schloss auch einen Besuch im Museum mit ein. Als besonders freundliche Geste offerierte der Tourismusdirektor von Bellinzona, Franco Ruinelli, nicht nur Gratiseintritt, sondern überraschte die Mitglieder des Burgenvereins erst noch mit einem äusserst willkommenen Apèro. Dass er Bellinzona Turismo gleichzeitig als Neumitglied des Burgenvereins anmeldete, freute die beiden Ex-Präsidenten ganz besonders. Um vor allfälligen Fehlinterpretationen zu warnen: Beitritte zum Burgenverein sind weiterhin auch ohne Einstands-Apèro möglich! Das Nachtessen auf Castelgrande gab der Schlösserbesichtigung seine kulinarisch Note.
Der Sonntag begann mit der Besichtigung der Chiesa Rossa in Arbedo, in deren Umfeld im Jahr 1422 die verlustreiche Schlacht der Eidgenossen gegen die Mailänder stattfand und deren spätmittelalterliche Fresken sehenswert sind. In Don Italo lernten wir einen liebenswürdigen und engagierten Schlüsselgewaltigen kennen, der sich um die Restaurierung der Kirche, aber auch um den Einlass zu ungewöhnlicher Zeit verdient gemacht hat. Weitere Besuche galten der imposanten romanischen Kirche San Pietro oberhalb Biasca und einem kleinen Juwel in Semione, der Capellina dei Morti, mit den eben restaurierten Fresken der im Tessin verbreitet tätigen Seregnesi aus Lugano.
Dem kühlen, zum Glück aber niederschlagsfreien Tag entsprechend, fühlte sich die Reisegesellschaft im einzigartigen Grotto «Sprüch» geborgen und kulinarisch bestens aufgehoben. Der Nachmittag galt dann wieder voll den Burgen. Nach der zweimonatigen Grabungskampagne dieses Sommers auf Serravalle bei Seminone wusste Prof. Meyer in seiner gewohnt lebendigen Art Details zur Baugeschichte anschaulich vor Augen zu führen. Dabei konnte er auf die Reste der 1176 erstmals zerstörten Burg hinweisen. Aus dieser Zeit stammen die beiden 104 kg schweren Steinkugeln, die bei der Belagerung mit Hilfe einer Blide in die Burg geschleudert wurden. Die Grabungskampagne ermöglicht heute zudem Aussagen über den Zugang zur späteren Burg, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wieder aufgebaut und 1402 endgültig zerstört wurde. Nach einem kleinen Abstecher nach Dongio, der einen Blick auf eine der halsbrecherisch angelegten Case dei Pagani ermöglichte, endete die Exkursion in Bellinzona.

